Die Talk-O-Kratie oder wie man Demokratie simuliert

Hier mal eine Liste:

Anne Will mit Anne Will (Das Erste)
Positionen mit Ken Jebsen (KenFM)
Hart aber fair mit Frank Plasberg (Das Erste / WDR)
Maischberger (vormals Menschen bei Maischberger) mit Sandra Maischberger (Das Erste)
Presseclub mit Monika Piel, Volker Herres oder Jörg Schönenborn (Das Erste / WDR)
Maybrit Illner mit Maybrit Illner (ZDF)
Markus Lanz mit Markus Lanz (ZDF)
Münchner Runde mit Ursula Heller oder Sigmund Gottlieb (Bayerisches Fernsehen)
Sonntags-Stammtisch mit Helmut Markwort (Bayerisches Fernsehen)
Tagesgespräch (BR-alpha)
Riverboat (MDR)
Unter uns – Geschichten aus dem Leben (MDR) mit Griseldis Wenner und Axel Bulthaupt
NDR Talk Show (NDR)
Bettina und Bommes mit Bettina Tietjen und Alexander Bommes (NDR)
3 nach 9 mit Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers (Radio Bremen)
Thadeusz und die Beobachter mit Jörg Thadeusz (RBB)
Nachtcafé (SWR)
2+Leif mit Thomas Leif (SWR)
Kölner Treff (WDR)
Phoenix Runde mit Anke Plättner /Alexander Kähler (Phoenix)
Unter den Linden mit Michaela Kolster und Michael Hirz (Phoenix)
Bei Brender! mit Nikolaus Brender (n-tv)
Das Duell bei n-tv mit Heiner Bremer (n-tv)
Studio Friedman mit Michel Friedman (N24)

Jeden Tag, den Gott werden lässt, kann man sich eine Talkshow ansehen. Und nicht etwa den primitiven Daily Talk der privaten, nein, politisch und anspruchsvoll soll es sein. Mehr als 10 frische politische Talksendungen jede Woche. Es werden so um 400 im Jahr sein, denn im Sommer wird nicht gesendet und zu Weihnachten auch nicht.

Weil es aber so viele sind, werden die Gäste rar bzw. es sind immer dieselben Pappnasen nebst Quoten-Menschen, der was „authentisches“ zum Thema sagen soll.
Ursula von der Leyen und Wolfgang Kubicki waren in 2012 jeweils 9 mal zu Gast, dann folgen Sarah Wagenknecht und Wolfgang Bosbach, die jeweils 8 mal zu Gast waren. Mit Jakob Augstein, der zwischenzeitlich seine eigene Talk Sendung hatte, kommt der 1. Journalist und Nicht-Politiker, er war 7 mal in den genannten Sendungen zu Gast. Jeweils 5 Auftritte hatten Patrick Döring und Werner Hansch. Letzterer ist Sportreporter und daher selbstverständlich kompetenter Gesprächspartner zu Themen wie „Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat“ oder „Demenz“.

Was also auffällt, ist das die Regierungskoalition allein 31 Auftritte der am häufigsten gebuchten Talkgäste stellt. Die Themenliste geht von „Unten schuften, oben kassieren – sieht so unser Jobwunder aus?“ bei Anne Will bis „Hitler als Witzfigur – worüber darf Deutschland lachen?“ beim Plasberg.

Welche Folgen hat das? Wir erleben eine Absonderung von Sprechblasen, die ihres gleichen sucht.

Nehmen wir als Beispiel „Hart aber fair“. Hier gibt es einen Call-In, d.h. die Zuschauer dürfen anrufen, von der Redaktion ausgewählte Fragen oder Meinungen werden während der Sendung vorgetragen. Das klingt doch gut. Der Zuschauer bekommt so dass Gefühl, dass er sich beteiligen könne, dass er einen Beitrag leisten könne. Es findet aber durch die Redaktion eine starke Filterung (Zensur darf man ja nicht sagen) statt, das geht los bei Gästebucheintragungen im Internet, die plötzlich verschwinden und geht weiter über Vorauswahl der Beiträge, die durch die Co-Moderatorin vorgetragen werden. Im Klartext bedeutet das: die Redaktion bestimmt was es zu lesen, zu hören oder zu sehen gibt. Alles, was nicht auf Meinungslinie liegt, fliegt raus.

Themen, wie die Einführung der Todesstrafe durch den Lissabon-Vertrag, findet man allerdings nicht. Es bleibt an der Oberfläche. Man muss auch keine Angst haben, dass mal jemand zu hart angefasst wird. Falls mal einer mit der „richtigen“ Meinung zu sehr in die Ecke gedrängt wird, kommt garantiert der nächste Einspieler. Dafür haben die jeweiligen Meinungsführer Gelegenheit, ihre Eitelkeiten zu pflegen und sich darzustellen. Sein ist schließlich wahrgenommen zu werden, dass wusste schon der irische Philosoph und Bischof George Berkeley, und der ist 1753 gestorben.

Diese Talkshows sind der ideale Platz, um eine Meinung vorzugeben. Disput findet nicht statt.

Ein weiteres Phänomen ist zu finden: die Übertragungen „live aus dem Bundestag“, unseres Parlamentes, findet in ARD und ZDF nur noch selten statt. Das musste sogar Norbert Lammert, der Bundestagspräsident feststellen. Mit Glück kann man die Debatten auf Phönix sehen. Was man da allerdings zu sehen bekommt, ist auch nicht mehr mit früheren Debatten zu vergleichen. Dabei wurde das Haus extra und nur für diesen Zweck gebaut. Aber Reden werden heute zu Protokoll gegeben und nicht mehr gehalten.

Dabei können Debatten im Bundestag spannend sein, mein persönlicher Favorit und Lieblings-Redner aus früheren Tagen ist und bleibt Herbert Wehner, der größte Polemiker aller Zeiten. Gleich danach Franz-Josef Strauss. Ich liebe seine Berechnungen zum Thema Schulden, er hat für uns berechnet, wie viele Güterzüge man für die damaligen Schulden benötigen würde, so man sie in Scheinen als Bargeld mit der Deutschen Bahn transportieren wollte. Ich bin noch immer zutiefst beeindruckt.

Aber statt „Herrn Strauss und all seinen Mitsträussen“ hören wir heute die schon aus den Talkshows bekannten Totschlagargumente, also nix wesentliches. Herausragend ist allerdings Gregor Gysi, der zumindest die Grundtechniken der Rhetorik beherrscht.

Die politische Talkshow simuliert die parlamentarische Demokratie. Die wird dann hinterrücks abgeschafft und keiner hat’s gemerkt.

Über osthollandia

Ich bin die Tochter von Engelbert.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Innenpolitik, Verkommenheit, zweck des Blogs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Talk-O-Kratie oder wie man Demokratie simuliert

  1. generalstreck schreibt:

    Werte Engelbertsdóttir,
    huch: Ihre schier endlose Liste hat mich daran erinnert, daß ich nicht mehr fernsehe, ich habe Ende letzten Jahres den Riesenkasten ausgeschaltet.
    Akuter Anlaß war die letzte Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. Die Rede habe ich mir mit ausgeschaltetem Ton und Gebärdendolmetscherin angesehen, und ich habe mich amüsiert, wie die greisen Äuglein des Gauck über den Teleprompter flackerten. Ich verstehe die Gebärdensprache nicht und ich kenne davon nur das Zeichen für „deutsch“, einen Zeigefinger mitten über Kopf und Stirn, was an die soldatische Pickelhaube oder den Tschako eines Schutzmanns erinnern soll.
    Wir freuen uns jetzt nur noch an Klassik- und Jazzmusik, die von Sendern aus der Schweiz und aus Frankreich in unser Anwesen quillt und perlt. Oder auch über Ruhe mit Vogelstimmen. Oder über das Kläffen unserer acht Hunde, die gottlob seltenen Besuch schon von Ferne ankündigen, damit wir ggf. unsichtbar werden können.
    La vita è bella!
    Fernsehen: Wenn Sie einmal das Rauchen aufgegeben haben sollten, dann erinnern Sie sich bestimmt: Man denkt immer weniger daran… und auf einmal hat man es ganz vergessen, bis auf eben heute.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.