Die Alten haben vom Krieg erzählt

Meine Heimatstadt war die erste, die den Bombenhagel abbekommen hat. Die Engländer haben Rheydt und Mönchengladbach bombardiert, noch bevor Hitler London bombardieren lies.

https://www.welt.de/iphone_app/historyapp/article6840531/Bombenangriff-auf-Moenchengladbach.html, abgerufen am 21.07.2018

Wenn die alten vom Krieg erzählt haben, von den Verhältnissen, dann erzählte mein Vater, wie der Lehrer in der Schule gefragt hat „Wer hat Feindsender gehört?“ und kam keine Antwort „Wer hat die Musiksendung sowieso gehört?“. Irgendein Kind meldete sich dann, anschließend war mindestens der Vater weg.

Der Vater meines Vaters war auch irgendwann weg. Göbbels hatte die berühmte Sportpalast-Rede gehalten, „wenn eine Bombe auf Berlin fällt, dann heiße ich Meyer!“. Dann fielen die Bomben auf Berlin und der Großvater hat mit seinen Kumpels Flugblätter gedruckt. Darauf stand: „Was nun, Herr Meyer?“. Sie haben sie erwischt. Den Großvater und seine Freunde, und Oma erzählte davon. Wie sie gesagt hat, „lass das, man wird dich holen und dann bringen die dich zum Spatzenberg“ und der Großvater sagte wohl „dann bringen sie mich zum Spatzenberg, pass du auf die Kinder auf“. Und dann war er weg. Später kam ein Brief, man habe ihn ins KZ Papenburger Moor gebracht, noch später, er sei auf der Flucht erschossen worden.

Vom Großvater habe ich mal ein Bild gesehen, wo das jetzt ist weiß ich nicht.

Wenn der älteste von meinen Onkeln vom Krieg erzählt hat, erzählte er oft, wie er niemals in den Luftschutzkeller ging, sondern immer oben blieb. Die Engländer haben Brandbomben geworfen, und die Jugendlichen blieben oben und hielten Brandwache. Sie haben diese Bomben dann vom Dach geworfen, da sind die Häuser in dieser Straße nicht ausgebrannt. Der Onkel hatte eine sehr verbrannte Hand.

Mein Vater erzählte, wie im Radio das Lied dudelte „Bomben, Bomben, Bomben auf Engeland“ und seine kleine Schwester, damals kaum 3 Jahre alt, ein Ei nach dem anderen nahm, auf den Boden warf und krähte „Bombe Eland! Bombe Eland!“

Der Krieg sei schlimm gewesen, erzählten sie alle. Aber dann wäre „die schlimme Zeit“ gekommen. Die Briten marschierten ein und dann die Demontage. Und am schlimmsten, die Vergewaltigungen und der Hunger.

Der jüngste von meinen Onkeln stammt aus dieser Zeit, der Großvater war längst weg und die Großmutter bekam noch ein Kind, 1946. Eine meiner Tanten hat nach ihrem Tod die Tagebücher der Großmutter gefunden – da hat das Grauen drin gestanden. Die Frauen haben geweint und der Onkel auch. Mein Vater war der Liebling der Großmutter, wohl, weil er damals versucht hat, seine Mutter zu beschützen und dafür hat er schwere Prügel kassiert. Seine schiefe Nase stammte aus der Zeit.

Nach dem Krieg gab es den Schulunterricht im 3-Schicht-System. 90 % aller Gebäude der Stadt waren zerstört, viele Lehrer in Gefangenschaft und andere überstanden die „Entnazifizierung“ nicht – „Wer hat Feindsender gehört?“. Im Winter erfroren die Leute in ihren Betten, denn es gab keine Kohlen und kein Öl, auch das Holz reichte nicht.

Wohl dem, der einen Garten hat. Der Nutzgarten war so wichtig für das Überleben der Familie. Gerade der Hungerwinter 1946/1947 hat das gezeigt. Es gab eine „Schulspeisung“, eine dünne Brotsuppe und Maisbrot. Viele sind verhungert, der Rest war sein Lebtag gezeichnet.

Der Mainstream war vor dem Krieg nationalistisch und antisemitisch. Alle Journalisten und Propagandisten hielten es für ihre Pflicht, in diese Richtung zu berichten. Nach dem Kriege war das weg und erstmal wurde Propaganda gegen Schwarzmärkte betrieben.

Die Zeiten ändern sich und das haben sie schon immer getan. Was gestern noch Vaterländische Pflicht war, ist heute schon ein Verrat an der Menschlichkeit. Und was damals Verrat war, ist heute eine Heldentat.

Mein Großvater war ein Sozialdemokrat und Christenmensch von echtem Schrot und Korn. Damals hat man ihn umgebracht, weil er ein Verräter an der Vaterländischen Sache war.

 

Über osthollandia

Ich bin die Tochter von Engelbert.
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Eine Antwort zu Die Alten haben vom Krieg erzählt

  1. Wolfgang Oedingen schreibt:

    Die Korrektur ist im Zusammenhang völlig unerheblich aber trotzdem:
    er wolle Meier heissen, wenn nur ein feindliches Flugzeug über Berlin
    erscheine (Hermann Göring)

    Gefällt mir

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