Der Traum, der mich verfolgt

Ich habe einen Traum, den ich seit Kindheit träume, und zwar immer wieder. Das ist für gewöhnlich lästig, aber eben so.

Ich träume, ich stehe in einem Haferfeld. Das ist wichtig, weil die Felder drumherum gerade abgemäht werden oder wurden. Überall ist Stoppelfeld, nur eben nicht da, wo ich stehe, da steht mir der Hafer bis zur Brust. Ich muss also 5, 6 oder 7 Jahre alt sein, älter nicht. Eher 6 vor der Einschulung.

Am Anfang des Traumes träume ich immer von der Erde, aber die sieht aus wie von der Augsburger Puppenkiste oder aus Knetgummi, total künstlich, und sie ist aufgespannt an sowas wie einem Gummiband. Früher hat die sich ganz oft gedreht und sehr schnell, jetzt sehr langsam, zuletzt vielleicht 2 oder 3 mal.

Der Knetgummi-Erdball zoomt mich dann auf den Erdball in das Haferfeld. Das ist immer genau gleich. Nie gibt es eine Stimme oder irgendwas, das was erklären würde und den Rest des Traumes durchlebe ich mit dem Verstand eines Kindes, das nicht wirklich lesen kann, aber zumindest weiß, was Buchstaben sind.

Dann wird es variabel, wobei ich oft sich wiederholende Dinge träume.

Eine Sequenz ist in der Nähe von Aachen. Das habe ich auf jeden Fall schon mal als Kind geträumt. Da sehe ich das Kreuz vom Haarberg und viele, viele, sehr viele tote Soldaten. Ein Schlachtfeld. Ich habe erst 2016 realisiert, dass das Kreuz vom Haarberg ist, denn es ist von der Autobahn aus sichtbar, und da habe ich das erst erkannt. Da war ich auf dem Weg nach Laurensberg, und vorher war ich noch nie mit dem Auto nach Aachen gefahren. Immer nur mit dem Zug.

Eine andere bringt mich in das Berlin von 1981. Da stand die Kirche noch, die so wichtig für die Familie war, denn mein Opa hatte da die Oma geheiratet, die Kinder (meine Mutter und ihre Geschwister) wurden da getauft und sind teilweise konfirmiert worden. Dann kam die Mauer. Man muss wissen, dass die Familie damals auf der Bernauer Straße gewohnt hat, man hat meiner Urgroßmutter das Küchenfenster im 1. OG zugemauert, an jenem denkwürdigem 13. August 1961. Mein Urgroßvater soll damals bei meinen Großeltern wegen einer Feier wegen meiner Tante gewesen sein, die jüngste Schwester meiner Mutter, die am 12. August 1961 geboren wurde. So kann das gehen, der Ur-Großvater hat wohl Jahre auf unserer, der West-Seite verbracht. Kam am Ende aber irgendwie zurück.

Zurück zu diesem Traum. Da sehe ich dann eine Köpfmaschine, eine Gillotine, und da werden Leute hingeführt, und die werden dann geköpft. Ich bin da mit meinem Opa und mit meiner Cousine unterwegs. Die Menschen drumherum sagen, dass es auch zeit wurde, dass die jetzt endlich mal bezahlen müssten. Da ist keine große Wut, aber man will unbedingt Gerechtigkeit. Das Ding steht auf der anderen Seite der Mauer, im Osten, aber ich sehe das Berlin von 1981. Das steht Erichs Lampenladen noch. Wobei ich mich gewundert habe, dass uns am Grenzübergang niemand kontrolliert hat.

Dann führt man einem Mann zur Köpfmaschine, das ist mein Onkel, der Schwager meines Opas. Und deshalb sind wir auch da, mein Opa muss eine Schwester trösten, und sein Schwager war ein Mann der Stasi.

Im realen Leben habe ich meinen Onkel als einen Mann in Erinnerung, der am 1. Mai 1990 Bürger gerettet hat. Der war noch bewaffnet, in dem Fall mit Langwaffen, und hat dafür gesorgt, dass keine Menschen in seinem Teil der Kopernikusstraße zu schaden kam. Ich hatte große Angst im realen Leben, denn der schwarze Block warf mit Pflastersteinen nach Kindern. Mein Onkel hatte dafür gesorgt, dass ein Trabbi noch in einen Hof einfahren konnte – der hatte auf dem Rücksitz 2 Kindersitze und in einem lag ein Stein. Damals bekam ich Angst vor dem asozialem Gesocks, dass sich heute AntiFA nennt.

Überflüssig zu sagen, dass mein Onkel inzwischen friedlich entschlafen ist, den hat niemand geköpft.

Ich habe noch mehr Dinge geträumt, etwa von einem eiterfarbenem Staub. Undefinierbar, irgendwas zwischen eklig-grün und widerlich-gelb. Wo das Zeugs staubt, träume ich immer von Leichen, die schwarz sind. Eigentlich Gerippen, die so aussehen, als wären sie mit Pech überzogen. Und das vollkommen egal, ob das Vögel sind, irgendwelche Tiere, oder Menschen. Alles verklebt zu diesem schwarzem Pech und es bleiben nur Gerippe.

Ich verstehe, dass da irgendwie Krieg sein muss, aber ohne, dass ich Angst hätte vor einem äußerem Feind. Ich habe Angst vor dem innerem Feind.

Als nächstes besuche ich dann meine Kindergarten Freundin, mit der ich auch eingeschult wurde, Ayse. Und die sagt mir dann, sie müssten jetzt weg. Die Mutter sagt dann, sie würden kein Geld mehr bekommen wären nicht mehr willkommen. Immer, wenn ich das träume, dann packen die gerade ihre Sachen und alles steht voll mit Kartons und Koffern. So habe ich die Wohnung von Ayses Eltern aber nie gesehen und mit ihr war ich bis zum Abschluss in der gleichen Klasse.

Wie gesagt, ich träume das manchmal, aber immer wieder, seit ich ungefähr 5 Jahre alt war.

Über osthollandia

Ich bin die Tochter von Engelbert.
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